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Ihr Gehirn ist das Superhirn, wenn es um Ihr Gewicht geht

Viele glauben, dass es eine einfache Erklärung gibt, warum sie mit Adipositas leben – sie essen mehr, als sie brauchen. Aber in Wirklichkeit ist die Lebensweise nur eine von vielen Ursachen, warum unsere Körper sich die überflüssigen Pfunde aufladen – und behalten möchten. Mads Tang-Christensen, Leiter der Adipositas-Forschung bei Novo Nordisk, erklärt, warum einige der wichtigen Ursachen für Adipositas außerhalb unserer Kontrolle liegen – und was wir dagegen tun können.

Es leben heute mehr Menschen als je zuvor mit Adipositas. Vielen fällt es schwer abzunehmen. Und diejenigen, die erfolgreich sind, stellen oft fest, dass sie innerhalb einiger Wochen wieder bei ihrem Ausgangsgewicht angekommen sind – trotz Bewegung und Kalorienzählen.

Um zu verstehen, warum es so schwer ist, Übergewicht zu verlieren und es nicht wieder zuzunehmen, müssen wir uns an die medizinische Wissenschaft wenden. Forschungen zeigen immer wieder, dass Adipositas keine Schwachstelle der Persönlichkeit ist. Vielmehr handelt es sich um eine komplexe Stoffwechselkrankheit. Und wie bei jeder Krankheit ist das, was wir mit einer Änderung unserer Lebensweise erreichen können, beschränkt, so Mads Tang-Christensen.

Ein doppelter Experte

Wenn es um den Umgang mit Übergewicht geht, ist Mads Tang-Christensen ein doppelter Experte. Als Corporate Vice President of Obesity Research bei Novo Nordisk forscht er mit seinem Team seit fast zwanzig Jahren auf diesem Gebiet. Außerdem ist er persönlich von Adipositas betroffen. Er ist also nicht nur an wissenschaftlichen Fortschritten interessiert, sondern möchte auch, dass mehr Menschen besser verstehen, wie komplex Adipositas tatsächlich ist.

„Während sich unsere Umwelt drastisch verändert hat, ist unsere genetische Präferenz für energiereiche Lebensmittel weitgehend gleichgeblieben.“

-Mads Tang-Christensen, Corporate Vice President of Obesity Research, Novo Nordisk

Ein Leben mit Adipositas kann viele Aspekte des Lebens, der Gesundheit und des Wohlbefindens einer Person beeinflussen. Mehr und mehr Menschen auf der ganzen Welt leben mit Übergewicht, aber nur ein Bruchteil davon ist derzeit auch in Behandlung. Laut Mads Tang-Christensen liegt dies daran, dass wir die Gründe für Adipositas immer noch schlecht verstehen und Ratschläge häufig übermäßig vereinfacht werden und Betroffenen einfach geraten wir, „weniger zu essen und sich mehr zu bewegen“.

„Die Erklärung kann ziemlich einfach erscheinen – wenn wir mehr Kalorien konsumieren als wir brauchen, nehmen wir zu. Tatsächlich ist das Problem aber viel komplexer. Scheinbar sind unsere Körper vorprogrammiert, diese zusätzlichen Kalorien zu behalten, wahrscheinlich weil es sich hierbei viele tausend Jahre lang um einen grundlegenden Überlebensmechanismus gehandelt hat.

Steinzeitgehirn in einer modernen Welt

In der Steinzeit – vor 50.000 Jahren – waren die Nahrungsquellen unzuverlässig. Manchmal gab es Nahrung in Hülle und Fülle und manchmal litten wir Hunger. Die Überlebenschancen unserer Vorfahren waren höher, wenn ihre Körper Energie in Zeiten der Nahrungsfülle als Fettgewebe speichern konnten. Deshalb hat sich ihr Gehirn so entwickelt, dass leckere und energiereiche Lebensmittel bevorzugt werden, die der Körper leicht als Fettgewebe speichern konnte.

Heutzutage sind wir umgeben von zahlreichen köstlichen Speisen und Getränken, zu denen wir jederzeit Zugang haben. Im Vergleich zu unseren Vorfahren in der Steinzeit sind wir auch weniger körperlich aktiv. Aber während sich unsere Umwelt drastisch verändert hat, ist unsere genetische Präferenz für energiereiche Lebensmittel weitgehend gleichgeblieben.

„Es ist keine Überraschung, dass die Anzahl an Menschen auf der ganzen Welt, die mit Übergewicht leben, steigt, wenn man die natürliche Tendenz bedenkt, Kalorien als Fett zu speichern und dies mit einer Umwelt kombiniert, die es uns leicht macht, zu viele Kalorien zu konsumieren,“ so Mads Tang-Christensen. Dies ist einer der Gründe für die Diskrepanz zwischen unseren Genen und unserer Umwelt, so Tang-Christensen weiter.

Der Körper hat Möglichkeiten, den Gewichtsverlust zu stoppen

Eine weitere Herausforderung für das Management von Adipositas ist, dass unsere Körper uns aktiv vor Gewichtsverlust schützen. Dies war zwar eine effektive Überlebensstrategie für unsere Vorfahren, aber heutzutage führt dies dazu, dass es schwer ist, abzunehmen und anschließend sein Gewicht zu halten.

Scheinbar sind unsere Körper vorprogrammiert, zusätzliche Kalorien zu behalten, wahrscheinlich weil es sich hierbei viele tausend Jahre lang um einen grundlegenden Überlebensmechanismus gehandelt hat.“

-Mads Tang-Christensen, Corporate Vice President of Obesity Research, Novo Nordisk

Mads Tang-Christensen erklärt, dass der Körper den Schutzmechanismus aktiviert, wenn er den Gewichtsverlust erkennt. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass man sich nach einer Mahlzeit hungriger und weniger zufrieden fühlt, welches wiederum dazu führen kann, dass man mehr isst. Außerdem sorgt er dafür, dass der Körper weniger Energie verbraucht.

„Aus diesem Grund passiert es häufig, dass Menschen, die abgenommen haben, nach einigen Wochen wieder zunehmen, auch wenn sie ihre Kalorienzufuhr nicht erhöhen. In einigen Fällen kann eine Person das verlorene Gewicht sogar wieder zunehmen, obwohl sie weniger Kalorien zu sich nimmt als vorher,“ so Mads Tang-Christensen.

Adipositas ist mehr als das, was man sieht

Mads Tang-Christensen fügt hinzu, dass das mangelnde Verständnis von Adipositas zu unnützlichen und verletzenden Mythen geführt hat.

„Wenn wir das Problem von Adipositas in der Bevölkerung angehen wollen, müssen wir erkennen, dass es sich um eine chronische Krankheit handelt, die wir behandeln müssen“, sagt er.

„Deshalb ist es nicht fair zu sagen, dass Adipositas ein persönliches Versagen ist. In Wahrheit tragen viele Faktoren zum Gewichtsmanagement bei und einige dieser Faktoren liegen außerhalb unserer bewussten Kontrolle. Wenn wir das Bewusstsein dafür stärken, dass es sich um ein sehr komplexes Problem handelt, können wir das Stigma von Übergewicht reduzieren“, schließt Mads Tang-Christensen.

Referenzen
  • Qi L & Cho YA. Gene-environment interaction and obesity. Nutr. Rev. 2008; 66(12):684–694.
  • Morris R. Stranger in a strange land: an optimal-environments account of evolutionary mismatch. Synthese 2018; 1-26.
  • Sumithran P & Proietto J. The defence of body weight: a physiological basis for weight regain after weight loss. Clinical Science 2013; 124:231-241.

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