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Abnehmen nach dem COVID-19-Lockdown: Was ist, wenn die Antworten nicht dort sind, wo man sie gesucht hat?

Viele von uns haben während des COVID-19-Lockdowns zugenommen, einfach weil es stressige Zeiten waren und wir nah am Kühlschrank waren. Wenn Sie bereits Übergewicht hatten und nach dem Lockdown ein paar Kilos mehr auf die Waage gebracht haben, versuchen Sie dann eine weitere Diät, melden Sie sich in einem Fitnessstudio an oder erwägen Sie, sich an Ihren Arzt zu wenden?

Von Dr. Michael Vallis, August 2020

Wissen ist Macht:
Sehen Sie das Problem als das, was es ist

Wussten Sie, dass Adipositas eine chronische Krankheit ist? Wirklich. Wie sich herausstellte, lagen wir ziemlich lange Zeit ganz falsch.

In unseren kulturellen Vorstellungen herrschte lange Zeit die Meinung, dass das Gewicht kontrolliert werden kann, indem man einfach das Gleichgewicht zwischen „Kalorien rein“ und „Kalorien raus“ verändert. Wenn Sie also zunehmen, weil Sie zu viele Kalorien zu sich nehmen, reduzieren Sie einfach Ihre Kalorienaufnahme und Sie werden abnehmen.

Niemand kann uns vormachen, dass Gewichtskontrolle einfach ist.

Es stellt sich heraus, dass die Dinge nicht so einfach sind. Warum? Weil Gewicht kein Verhalten ist. Deshalb können Sie Ihr Gewicht nicht direkt kontrollieren!

Was für eine unverschämte Aussage, oder? Hier ist ein Beispiel. Wenn ich Sie bitten würde, heute 3 Portionen Obst zu essen, könnten Sie das tun (vorausgesetzt, Sie haben Zugang).

Wenn ich Sie bitten würde, irgendwann zwischen 8 und 9 Uhr morgens 30 Minuten spazieren zu gehen, könnten Sie das wahrscheinlich auch tun. Aber wenn ich Sie bitten würde, in den nächsten 6 Stunden 0,3 kg zuzunehmen – oder sagen wir lieber 5,5 kg – könnten Sie es nicht.

Verhalten ist einfach. Gewicht ist es nicht

Sie haben eine große Kontrolle (wiederum in Grenzen) darüber, was Sie essen und wie Sie sich körperlich betätigen. Aber weil das Gewicht kein Verhalten ist, ist unsere Fähigkeit, das Gewicht zu verändern, als wäre es ein Drehknopf an einem Thermostat, sehr gering.

Nicht nur das, es stellt sich heraus, dass Ihre Gene viel damit zu tun haben. Es wird geschätzt, dass etwa 40 bis 70 % der Wahrscheinlichkeit einer Person, Adipositas zu entwickeln, auf die Gene zurückzuführen ist. Außerdem gibt es einen Zusammenhang zwischen Ihrem sozialen Umfeld und Ihrem Gewicht.

Ganz zu schweigen davon, dass sich unsere Gesellschaft so entwickelt hat, dass der Zugang zu kalorienreichen, nährstoffarmen Lebensmitteln leicht ist und die Möglichkeiten zur Aktivität schwer sind.

Mit anderen Worten: Egal wie man es dreht und wendet, die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen eindeutig dafür, dass Gewicht keine Frage der Wahl und der Willenskraft ist, sondern das Ergebnis komplexer genetischer, biologischer, soziokultureller und psychologischer Faktoren.

 „Es wird geschätzt, dass etwa 40 bis 70 % der Wahrscheinlichkeit einer Person, Adipositas zu entwickeln, auf die Gene zurückzuführen ist.“

-Dr. Michael Vallis

Was also macht Adipositas zu einer Erkrankung?

Nun, nicht die Anzahl der Kilos auf der Waage, sondern die Auswirkungen der überschüssigen Fettzellen auf die Gesundheit, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität. Fettzellen sind nicht passiv. Sie sitzen nicht einfach da und tun nichts.

Fettzellen scheiden Hormone und Peptide aus, die, wenn sie sich in der Nähe von Herz, Leber, Pankreas usw. (intraabdominales Fettgewebe) befinden, Krankheiten verursachen können.

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Es ist entscheidend zu verstehen, dass der Körper sein Höchstgewicht verteidigt –ja verteidigt! Unser Körper hat grundlegende, instinktive Bewältigungsreaktionen. Schauen wir uns ein paar Beispiele an.

Da wir bei Überhitzung Gefahr laufen, Hirnschäden zu erleiden, beginnen wir automatisch zu schwitzen, um unsere Körpertemperatur zu senken. Ein weiteres Beispiel: Frieren ist nicht gut für uns; es kann uns schaden, weshalb wir bei Kälte automatisch zu zittern beginnen, um unsere Temperatur wieder hochzubringen. So weit, so gut.

Nun, in ähnlicher Weise ist der Körper so gebaut, dass er einer Gewichtsabnahme widersteht. In der fernen Vergangenheit, als Nahrung nicht leicht zu finden war, bestand oft die Gefahr, dass wir verhungerten. Wenn wir also abnehmen, setzen unsere eingebauten Mechanismen wieder ein. Anstatt zu zittern oder zu schwitzen, würde unser Gehirn das Hungergefühl steigern, die Sättigung herunterfahren und den Stoffwechsel verlangsamen. Diese lebenserhaltenden Mechanismen sind also auch heute noch hinter den Kulissen am Werk ...

„Irgendwann nach 3 bis 6 Monaten hält der Gewichtsverlust an und stagniert. Hier übernimmt die Biologie die Führung. Dies als Misserfolg zu bezeichnen, ist zu einfach.“

-Dr. Michael Vallis

Der bekannte Moment, wenn die Biologie die Führung übernimmt

Es gibt eine vorhersehbare Kurve der Gewichtsabnahme, die fast jeder kennt. Zu Beginn der Gewichtsabnahme geht das Gewicht schön nach unten. Doch irgendwann nach 3 bis 6 Monaten hält der Gewichtsverlust an und stagniert. Hier übernimmt die Biologie die Führung. Dies als Misserfolg zu bezeichnen, ist zu einfach.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, wenn Menschen nach dem Energie-rein/Energie-raus-Modell arbeiten, basieren ihre Ziele und Erwartungen darauf.

Jemand, der überzeugt wurde, so zu denken, könnte sich ein Ziel von 0,5 kg Abnahme pro Woche setzen. 5 Wochen: 2,5 kg. 10 Wochen: 5 kg. 30 Wochen: 15 kg. Großartig! Ich bin dabei! Nun, leider ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies tatsächlich passiert, sehr, sehr gering. Denn Ihr Körper sieht das anders und, nun ja, Sie können Mutter Natur nicht täuschen.

Wie die „Weniger essen, mehr bewegen“-Mentalität uns vielmehr schadet

Es gibt ein großes Problem mit der weit verbreiteten „Weniger essen, mehr bewegen“-Mentalität. Wenn Menschen die vorhersehbaren Phasen der Gewichtsabnahme durchlaufen – anfänglicher Erfolg, gefolgt von einem unvermeidlichen Stopp der Gewichtsabnahme – geben sie sich ausnahmslos selbst die Schuld.

Das führt zu einer unproduktiven Abfolge von Ereignissen. Wenn es etwas gibt, das wir über Menschen mit Adipositas wissen, dann ist es, dass sie immer wieder erhebliche Anstrengungen unternehmen, um abzunehmen. Aber im Laufe der Zeit sehen ihre Erfahrungen in der Regel so aus: Ich versuche es und scheitere; ich versuche es und scheitere; ich versuche es und scheitere. Kommt Ihnen das bekannt vor?

„Dieses Muster des Versuchens und Scheiterns führt zum Aufgeben! Das nennt man ‚erlernte Hilflosigkeit‘, und es ist ein sehr gefährlicher psychologischer Zustand.“

-Dr. Michael Vallis

Erlernte Hilflosigkeit

Wenn ich als Psychologe dieses Muster sehe, regt mich das wirklich auf. Warum? Denn dieses Muster des Versuchens und Scheiterns führt zum Aufgeben! Das nennt man ‚erlernte Hilflosigkeit‘, und es ist ein sehr gefährlicher psychologischer Zustand. Es ist das gleiche Gefühl wie bei Depressionen. Es beeinträchtigt die meisten Aspekte des Lebens eines Menschen. Und es untergräbt das Selbstwertgefühl eines Menschen.

In jüngster Zeit wurde eine Reihe von Studien durchgeführt, die darauf abzielen zu verstehen, wie die Versorgung von Menschen, die mit Adipositas leben, verbessert werden kann. Was wir lernen ist, dass Menschen, die mit Adipositas leben, Ärzte nicht wirklich als Quellen der Unterstützung sehen, sondern denken, dass das Gewichtsmanagement an ihnen selbst liegt und dass sie sich nur stärker auf Ernährung und Bewegung konzentrieren müssen. Ärzte glauben, dass sie helfen können, sind aber auch der Meinung, dass Ernährung und Bewegung der einzige Weg sind.

Zeit, das Narrativ zu ändern

Ich arbeite seit den späten 1970er Jahren mit Menschen, die mit Adipositas leben. Ich habe immer wieder erlebt, wie unglaublich ärgerlich es für Menschen mit Adipositas ist, wenn jemand daherkommt und sagt: „Na ja, Sie müssen einfach weniger essen und sich mehr bewegen.“

Es ist, als ob sie erwarten, dass die Person mit Adipositas darauf antwortet: „Wirklich? Wow, das hat mir noch nie jemand gesagt. Ich hatte keine Ahnung, dass es helfen würde, weniger zu essen und mehr Sport zu treiben“.

Da ich diese Geschichte so oft gehört habe, weiß ich, dass etwas an dem Skript falsch ist. Es ist an der Zeit, das Narrativ darüber zu ändern, was Adipositas bedeutet, wie sie entsteht und wie sie behandelt wird.

Wenn mich jemand fragt, warum die Adipositas-Raten steigen, lautet meine Antwort: „Weil das menschliche Gehirn nicht mehr an die Umgebung angepasst ist, in der es lebt.“ An der Person oder dem Gehirn ist nichts auszusetzen. Aber in Kombination mit der Umgebung können Probleme entstehen.

Was würde passieren, wenn Sie Ihr Narrativ ändern, dass Adipositas eine Frage des Weniger-Essens und Mehr-Bewegens ist, die Sie zum Versager macht?

Übrigens: Wenn man sich als Versager fühlt und aufgibt, hört man auf, sich um sich selbst zu kümmern.

„Es ist an der Zeit, das Narrativ darüber zu ändern, was Adipositas bedeutet, wie sie entsteht und wie sie behandelt wird.“

-Dr. Michael Vallis

Was also ist die Alternative? Hören Sie sich diese Idee an.

Was wäre, wenn Adipositas eine chronische Krankheit wäre, die aus genetischen, umweltbedingten, biologischen (insbesondere gehirnbasierten), sozialen und psychologischen Problemen resultiert, die im Kontext der modernen Umwelt durch übermäßig stark verarbeitete Lebensmittel, überlastete Leben und wenig Zeit für Selbstfürsorge verstärkt werden.

Was ist, wenn Sie trotz all Ihrer Bemühungen in der Vergangenheit noch nie wegen dieser Krankheit behandelt wurden? Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand hat sich noch niemand um Ihre Versorgung gekümmert. Frühere Versuche konzentrierten sich auf die Perspektive „weniger essen, mehr bewegen“.

Was würde wohl passieren, wenn Sie diesen Wechsel vollziehen könnten? 

Hoffnung

Hier ist meine Vision: Ich denke, dass diese Veränderung das Potenzial hat, wieder realistische Hoffnung in den Umgang mit Adipositas einzubringen und ein Weg zu mehr Selbstwertgefühl zu sein.

„Diese Veränderung hat das Potenzial, wieder realistische Hoffnung in den Umgang mit Adipositas zu bringen und ein Weg zu mehr Selbstwertgefühl zu sein.“

-Dr. Michael Vallis

Meine Sorge ist, dass Menschen, die mit Adipositas leben, sich selbst die Schuld geben – wir wissen sogar, dass sie das tun; man nennt das „internalisierte Gewichtsvorurteile“ – und dass sie die medizinischen Fachkräfte nicht als Hilfe ansehen.

Wenn wir Adipositas jedoch ähnlich wie jede andere chronische Krankheit angehen, können wir etwas bewirken. Ärzte können die Fähigkeiten, die sie bei der Unterstützung von Menschen mit anderen chronischen Krankheiten gelernt haben, zur Unterstützung von Menschen mit Adipositas einsetzen. Schließlich geht es beim Adipositas-Management um Behandlungsansätze, die Gesundheit, Funktion und Lebensqualität verbessern, und nicht darum, wie viel Gewicht eine Person abnehmen kann.

Ich frage mich, ob Sie bereit wären, die Hand auszustrecken und Hilfe für Ihre Krankheit zu suchen?

#CH21OB00013_02/2021

Referenzen
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  • Vallis M. Quality of life and psychological well-being in obesity management: improving the odds of success by managing distress. Int J Clin Pract. 2016 Mar;70(3):196–205.   

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